Wanderung eines Volkes

 

Im Jahre 1832 ordnete Präsident Andrew Jackson die Vertreibung der Indianerstämme aus dem Südosten der Vereinigten Staaten an. Die Mukogee wurden damals zusammen mit den Chicksaw, den Choctaw und den Cherokee umgesiedelt. Sie legten den ganzen langen Weg zum "Indianerterritorium", dem späteren Oklahoma - ein Wort der Choctaw, das "Land des Roten Mannes" bedeutet - zu Fuss zurück. In der offiziellen Geschichtsschreibung wird diese Umsiedelung der Indianerstämme erwähnt, niemals erwähnt werden jedoch die Emotionen, die für ihr Volk damit verbunden waren, was es zurücklassen musste und welche Strapazen ihm abverlangt wurden.

 

Es war eine Zwangsübersiedelung, man liess uns keine Wahl. Als das Volk sich weigerte, die angestammte Behausung zu verlassen, rissen Soldaten ein kleines Kind aus den Armen einer Mutter und schlugen es mit dem Kopf gegen einen Baum. Dann sagten sie: "Geht, oder wir machen das mit allen Kindern hier". Man erzählt sich, dass einige Soldaten schwangere Frauen mit ihren Säbeln aufschlitzten. So hat man unser Volk gezwungen, seine Heimat zu verlassen.

 

Die Indianer gingen den gesamten Weg zu Fuss, von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, vorwärts getrieben von berittenen Soldaten. Man liess uns nicht einmal Zeit, die Alten, die unterwegs starben, ordentlich zu bestatten. Viele von unseren geliebten Schwestern und Brüdern wurden in Schluchten zurückgelassen, die Körper notdürftig mit Laub und Zweigen bedeckt. Es war ein langer Marsch, die Menschen waren sehr erschöpft, und die kleinen Kinder konnten mit den Erwachsenen nicht Schritt halten, so dass die Männer sie abwechselnd tragen mussten. Aber auch diese hatten nicht die Kraft, sie die ganze Zeit zu tragen, deshalb mussten einige Kinder und Mütter zurückbleiben. Das sind nur einige Strapazen, die unsere Vorfahren auf dem Weg erdulden mussten; sie nannten ihn "Pfad der Tränen", denn dieses Unrecht löste grosses Weinen und Wehklagen aus.

 

Ein Mann, der den langen Marsch als Kind mit erlebt hatte, berichtete von dieser Wanderung. Irgendwann wurden die Menschen mit ihren wenigen Pferden auf zwölf morsche Boote getrieben, die sie ans andere Ufer des Mississippi bringen sollten. Sein Boot begann zu sinken, deshalb packte er seine kleine Schwester und schwang sich aufs Pferd, um schneller ans andere Ufer zu gelangen, verfolgt von Soldaten, die ihn daran hindern wollten. Doch das Pferd musste schwimmen und kam, da es Angst hatte, nur langsam voran. Er hatte gesehen, wie brutal die Soldaten sein konnten und dass sie die Boote absichtlich überladen hatten, deshalb wusste er, es ging um sein Leben. Da näherte sich irgend jemand auf einem anderen Pferd und griff nach seiner Schwester. "Als ich das andere Ufer erreicht hatte, habe ich geweint", erzählt der Mann, "weil ich glaubte, die Soldaten hätten meine Schwester mitgenommen. Doch später erfuhr ich, dass mir einer meiner eigenen Leute geholfen hatte."

 

Bei der Überquerung des Mississippi starben viele Menschen. Die meisten Überlebenden waren völlg durchnässt, als sie am anderen Ufer anlangten und es war eisig kalt. Eine alte Frau, erschöpft und verwirrt von all den Strapazen, wusste nicht mehr, wo sie war - sie glaubte, wieder zu Hause zu sein und gab den Jüngeren Anweisungen, trockenes Holz zu holen.

 

Egal wie das Wetter war, sie mussten weiter gehen und ihre Füsse erfroren, weil sie ohne Schuhe durch den Schnee laufen musste.

 

Als die Indianer sich schliesslich niederlassen durften, bedeutete das keineswegs das Ende aller Sorgen. So wurden die Kinder von ihren Eltern getrennt und gezwungen, ein Internat zu besuchen, wo sie nur noch englisch sprechen durften. Das Internat war eine staatliche Schule und man verlangte von den Kindern, in militärischer Ordnung in und aus dem Klassenraum zu marschieren, die Betten zu machen und sich wie in einer Kaserne zu verhalten. Bis dahin war es der ganze Stolz der Indianer gewesen, die Haare lang zu tragen, doch die Kinder mussten es kurz schneiden lassen. Manchmal stülpten die Betreuer einem Kind einfach eine Schüssel über den Kopf und schnitten drum herum, anschliessend lachten sie das Kind aus.

 

Und trotzdem beten wir auch heute noch für die ganze Menschheit. Und wir bringen immer noch sehr viel Liebe für andere Menschen auf. Wir beten sogar für jene, die uns Böses angetan haben und lieben sie wie unsere eigenen Schwestern und Brüder.

 

 

Bericht: Red Cloud