Der Ursprung des Lebens

(Legende der Blackfoot-Indianer)

    

Haio, ihr heiligen Geister. Ich erzähle jetzt eine Geschichte, die vom ersten Volk bis zu mir weitergegeben wurde, und ich werde sie so erzählen, wie sie mir gegeben wurde und ich werde nichts daran ändern. Wenn ich etwas vergesse, so vergebt uns und lasst kein Leid über uns kommen. Haio, ihr heiligen Geister.

 

Also, ich werde erzählen, wie am Anfang die Menschen gemacht wurden. Der uns gemacht hat, hat zuerst mal eine Puppe gemacht. Er nahm einen Büffel, um die Puppe zu machen. Er nahm die Knochen des Büffels und setzte sie auf eine bestimmte Weise zusammen. Er benutzte Sehnen, um sie zusammenzubinden. Als das fertig war, bedeckte er die Knochen mit Schlamm. Dann nahm er Blut - Büffelblut - und goss es über die Puppe. Und siehe da, es wurde ein menschlicher Körper. Aber es war noch kein Mensch, es lebte nicht.

 

Als mir das erzäht wurde, sagte keiner, wer das war, der diese Puppe gemacht hat - sie sagten einfach "der Schöpfer".

 

Als er die Puppe fertig hatte, blies er ihr in den Mund und sie begann zu atmen. Dann blies er ihr in die Augen und sie konnte sehen. Dann sagte er ihr, sie solle sich aufsetzen, und sie richtete sich auf. Schliesslich befahl er ihr, aufzustehen.

 

Der Schöpfer hatte die Puppe auf einem Lager aus Salbei und Wacholder gemacht, und von diesem Salbei nahm er ein wenig, um Geist und Körper der Puppe zu säubern. Dann legte er vier kleinere Büschel von Salbeipflanzen auf den Boden und liess die Puppe ihre ersten vier Schritte darauf tun. Von da an konnte die Puppe gehen, atmen und sehen. Sie war jetzt eine Person, ein Mann. Auch heute noch nehmen wir Salbei für viele heilige Handlungen, weil er bei dem ersten unserer Art benutzt wurde. Heilige Einweihungen sind wie eine Wiedergeburt, und deshalb machen wir dann unsere ersten vier Schritte wieder auf Salbeibüscheln. Wenn ein naher Verwandter stirbt, wird unser Körper mit Salbei gereinigt, und das ist, als würden wir wieder geboren.

 

"Jetzt", sagte der Schöpfer, "ist er lebendig, aber er wird ganz alleine sein. Mit wem soll er sprechen, wem Geschichten erzählen?" Also beschloss er, ihm einen Gefährten zu machen, eine Frau. Er nahm die kleineren Knochen des Büffels, band sie zusammen und bedeckte sie mit Schlamm und Blut. Er blies ihr in den Mund, und sie atmete, dann in die Augen, und sie konnte sehen. Ein Wolf kam des Weges und sagte: "Mein Bruder, kann ich dir behilflich sein?" Der Schöpfer antwortete, das sei in Ordnung, und der Wolf machte in dem Mund der Frau Laute, wie sie Wölfe eben machen. Daher kommt es, dass Frauen kleinere Stimmen haben als Männer. Der Schöpfer sagte: "Ihr werdet viele Nachkommen haben".

 

Die Zeit verging, und der Mann wohnte mit seiner Frau an einem Bach. Sie hatten zwei Kinder - beides Jungen - die schon fast erwachsen waren.

 

Der eine hatte helle Haut, der andere dunkle. Sie kamen ganz gut zurecht. Der Mann ging jeden Tag auf die Jagd, die Frau holte Wasser und Holz.

 

Einmal, als die Frau unten am Bach war, um Wasser zu holen, kam ihr ein sehr angenehmer Geruch in die Nase. Sie wusste nicht, was das war. Als sie das nächste Mal Wasser holen ging, roch es wieder so, und zu ihrer Verwunderung sass ein junger Mann am Wasser. Er sah sehr gut aus und die Frau wurde augenblicklich von einem Verlangen nach ihm ergriffen.

 

Sie nahm sich Zeit beim Füllen der Gefässe, und es dauerte eine ganze Weile, bis sie wieder nach Hause kam. Ihr Mann schöpfte Verdacht.

 

Schliesslich blieb die Frau immer länger unten am Bach, und eines Tages kam ihr Mann vor ihr nach Hause. Er fragte die Kinder: "Wo ist eure Mutter?" Sie sagten, sie sei Wasser holen gegangen, aber er wandte ein, es sei schon fast dunkel. Jetzt wurde er doch argwöhnisch und sagte zu seinen Söhnen: "Kinder, es wird Unannehmlichkeiten geben. Hier ist ein besonderer Stein und ein Stück Holz, nehmt sie. Und hier sind noch zwei Arten Wassergras."

 

Dann sagte er den Jungen, sie müssten um ihr Leben laufen, wenn es brenzlig würde, und erklärte ihnen den Gebrauch der Dinge, die er ihnen gegeben hatte. Gleich darauf kam die Frau mit Holz und Wasser heim. Der Mann sagte nichts.

 

Am nächsten Morgen machte er sich wieder auf die Jagd. Zu seiner Frau sagte er: "Ich werde viel gutes Fleisch jagen, komme also so bald sicher nicht wieder." Damit ging er fort, aber nicht sehr weit. Er stieg auf einen Hügel und beobachtete den Bach. Und dann sah er eine Schlange - eine Riesenschlange - die aus dem Wasser kam und sich in einen schönen jungen Mann verwandelte. Jetzt wusste er, was los war und weshalb er misstrauisch geworden war. Er ging wieder heim und sagte seinen Söhnen, sie sollten sich bereit machen.

 

Kurz darauf hörten sie ein seltsames Geräusch näherkommen. Die Jungen rannten los, und da wusste die Frau, dass ihre Liebschaft entdeckt worden war. Sie lief ihnen nach und versuchte sie zu fassen. Als sie sie fast eingeholt hatte, warfen sie den Stein hinter sich, und unter grossem Getöse türmten sich hohe Berge auf. Die nennt man jetzt Rocky Mountains. Sie gewannen einen guten Vorsprung, bevor ihre Verfolgerin die Berge überwunden hatte. Inzwischen war sie zu einem Ungeheuer geworden.

 

Nach einer Weile hatte sie die Jungen wieder fast eingeholt, da warfen sie das Holz hinter sich. Sofort überzog ein grosser, dichter Wald die Prärie. Er steht heute noch im Osten. Das Ungeheuer hatte Mühe, hindurch zu kommen, aber dann war es ihnen doch wieder dicht auf den Fersen, und sie warfen eines der Wassergräser hinter sich. Sofort bildete sich ein riesiges Wasser - viele grosse Seen kamen aus der Erde hoch - um das Ungeheuer aufzuhalten.  Es heisst, das seien die grossen Seen im Osten. Aber nicht lange, da war die Verfolgerin wieder dicht inter ihnen, und sie warfen ihr letztes Mittel hinter sich, das andere Wassergras. Diesmal bildete sich hinter ihnen ein so ungeheuer weites Gewässer, dass das Ungeheuer es nicht überqueren konnte - sie waren jetzt auf dem Ufer, das man Europa nennt.

 

Die beiden Brüder wanderten auf dieser Seite des Ozeans lange Zeit umher. Eines Tages stiegen sie auf einen grossen Hügel, und der Dunkelhäutige sagte zu dem Hellhäutigen: "Mein Bruder, ich fühle mich sehr einsam hier drüben. Du magst bleiben und die Menschen hier alle möglichen Dinge lehren, aber ich muss, glaube ich, dahin zurück, woher ich kam."

 

So ist die Ursprungsgeschichte mir erzählt worden. Und daher weiss ich, dass unser aller Leben auf die gleiche Weise begann. Wir alle sind seit dieser frühen Zeit miteinander verwandt.

 

 

Bericht: Calf Robe