Leben und leben lassen

 

Es war einmal an einem wunderschönen Tag im Wald. Die Vögel sangen in den Zweigen, die Frösche quakten am Teich, die Grillen zirpten im Gras, und eine Klapperschlange glitt einen kleinen Weg entlang, der mitten durch den Wald führte, um sich in der Sonne zu wärmen. Sie rollte sich ein und schlief ein wenig. Es war friedlich und schön.

 

Da kam ein Mann des Weges, der sah die schlafende Schlange, und sogleich wollte er sie töten. Er griff nach einem schweren Stein, und gerade als er ihn auf ihren Kopf niedersausen lassen wollte, erwachte die Schlange.

 

"Bruder, warum willst du mich töten, ich habe dir nichts getan!"

 

"Du bist giftig und musst sterben!" rief der Mann.

 

"Aber Bruder, ich bin zwar giftig, aber ich tue dir doch nichts. Ich werde dich nicht töten."

 

"Du mich töten?" lachte der Mann. "Ich bin der Mensch und viel grösser und stärker als du; ich habe diesen Stein, mit dem werde ich dich töten."

 

"Bruder, zum letzten Mal", sagte die Schlange, "tu mir nichts und ich werde dir nichts tun."

 

"Ich bin nicht der Bruder einer Schlange!" schrie der Mensch. "Und du wirst sterben und zwar auf der Stelle!" Und gleich holte er aus mit seinem Stein.

 

In diesem Moment schnellte die Schlange empor und biss den Mann blitzschnell in den Hals. Er fiel sofort zu Boden und im Sterben hörte er die Schlange sagen: "Wenn du auf mich gehört hättest, Bruder, und mich nicht hättest töten wollen, so wäre dir nichts geschehen und du könntest noch lange leben."

 

Dann rollte sich die Klapperschlange in der warmen Sonne wieder zusammen und schlief ein an diesem wunderschönen friedlichen Tag im Wald.